Sozialhilfe im Fokus - der SKOS-Blog
Dritte Etappe WBO lanciert: «Bildung zahlt sich aus»

Die SKOS hat sich vor 8 Jahren vorgenommen, die Förderung der Bildung für Sozialhilfebeziehende anzupacken und gemeinsam mit dem SVEB eine Weiterbildungsoffensive (WBO) zu lancieren. Nun wird die dritte Phase lanciert und die Angebote nun ausgeweitet werden. Was wurde bisher erreicht?
Die Bestrebungen der vergangenen acht Jahre brachten vielversprechende Resultate. Gemäss Projektevaluation haben die teilnehmenden Sozialdienste zunächst einmal ihr Personal sensibilisiert, sich mit Angeboten vernetzt und Förderstrukturen für die Bildung von Sozialhilfebeziehenden aufgebaut. Sie haben einen eigentlichen Organisationsentwicklungsprozess durchlaufen, damit sie Bildungsbedarfe bei Klient:innen schneller erkennen, gegebenenfalls abklären und Klient:innen in passende Bildungsangebote vermitteln können. Die Klient:innen können so ihre Kompetenzen erweitern und gewinnen an Selbstwirksamkeit. In den beteiligten Kantonen hat die WBO politisch an Einfluss gewonnen. Die Evaluation hat gezeigt, dass die WBO mittlerweile breit verankert und zu einem Netzwerk geworden ist, das weit über die Sozialdienste hinausgeht. Messbare Resultate der WBO fehlen leider aufgrund der vielfältigen Einflussfaktoren auf die Ablösequoten. Die Sozialhilfequote ist zwar gesunken, doch gibt es hierfür keine Kausalität.
Bildung ist zentral für die berufliche Integration. Das ist bekannt. Warum braucht es Bildung für die soziale Integration?
Grundkompetenzen sind wichtig, um den Alltag möglichst selbständig zu meistern und sich zu vernetzen: Sei es bei der Nutzung von ÖV, der administrativen Abwicklung von Krankenkassenangelegenheiten oder bei der Partizipation an einem Vereinsleben. Für die politische Partizipation sind Grundkompetenzen unerlässlich. Auch im Bereich Gesundheitsförderung sind Grundkompetenzen grundlegend.
Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS und der Schweizerische Verband für Weiterbildung SVEB haben 2018 gemeinsam die Weiterbildungsoffensive für Sozialhilfebeziehende lanciert. Was hat sie gebracht?
Nach wie vor ist die Förderung der Bildung im Kontext der Sozialhilfe ein aktuelles Thema. 2024 waren in der Schweiz rund 180 500 Erwachsene auf die Unterstützung der Sozialhilfe angewiesen (BFS, 2025a). Während im Jahr 2024 gut die Hälfte der Erwachsenen in der Sozialhilfe zwischen 25 und 64 Jahren keine berufliche Ausbildung hatte, lag der Anteil in der Gesamtbevölkerung bei 14 Prozent (BFS, 2025b). Obwohl das Ausbildungsniveau der Gesamtbevölkerung in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist, hat der Anteil an Personen ohne Berufsabschluss in der Sozialhilfe in den letzten Jahren tendenziell zugenommen (BFS, 2026a).
Spezifisch für die Sozialhilfe wurden bisher keine Zahlen zu den Grundkompetenzen erhobenen. Es ist aber davon auszugehen, dass ein hoher Anteil der Sozialhilfebeziehenden Lücken in den Grundkompetenzen hat. So zeigen die Daten des internationalen Programms zur Evaluation der Kompetenzen von Erwachsenen (PIAAC), dass je tiefer der Bildungsstand ist, desto mehr Personen Schwierigkeiten mit den Grundkompetenzen haben. Von den Personen, die lediglich einen obligatorischen Schulabschluss haben, verfügen je nach Grundkompetenzbereich zwischen 41 und 46 Prozent über ein tiefes Kompetenzniveau. Bei Personen mit Hochschulabschluss sind es nur zwischen 4 und 9 Prozent (BFS, 2024). Die Zahlen zeigen, dass die Bildungsförderung in der Sozialhilfe weiterhin zwingend einen hohen Stellenwert haben muss. Die Weiterbildungsoffensive ist immer noch ein sinnvolles Programm.
Wie lief das Förderprogramm der WBO in den ersten beiden Phasen ab?
Der Lancierung der Weiterbildungsoffensive (WBO) mit dem Positionspapier «Arbeit dank Bildung» 2018 folgten zunächst vielfältige Arbeiten auf verschiedenen Ebenen. Dann wurden 9 Sozialdienste und ein Kanton ausgewählt und während zwei Jahren dabei unterstützt, nachhaltige Förderstrukturen für die Bildung von Sozialhilfebeziehenden aufzubauen. Andererseits wurde über eine Begleitgruppe versucht, wichtige Akteur:innen auf Kantons- und Bundesebene für die Förderung der Bildung von Sozialhilfebeziehenden zu sensibilisieren. Im Jahr 2023 startete die WBO in die zweite Runde. Erneut wurden sieben Sozialdienste bei der Umsetzung der WBO an der Basis unterstützt, die von 2024 bis 2026 die Ansätze der WBO in ihren Diensten verankerten.
Was war das konkrete Resultat dieser zwei Phasen? Welche Projekte wurden realisiert?
Die Kantone haben mit Unterstützung des Bundes und in Zusammenarbeit mit den Organisationen der Weiterbildung erfolgreich Angebote und Strukturen geschaffen, die es Erwachsenen ermöglichen, ihre Grundkompetenzen zu verbessern: So zum Beispiel Lernstuben/Lernlofts, in 7 Kantonen gibt es Bildungsgutscheine für Grundkompetenzangebote (AG, FR, LU, OW, SH, SZ, ZG) und das Bundesprogramm «Einfach besser! wurde 2018 lanciert. Ziel ist es, die Grundkompetenzen von Erwachsenen direkt am Arbeitsplatz zu fördern und damit ihre Beschäftigungsfähigkeit zu stärken. In der Stadt Zürich (2023) und im Kanton Zug (2025) wurden Arbeitsmarktstipendien eingeführt, in Winterthur sollen sie neu ebenfalls eingesetzt werden.
Seit 2025 gibt es mit TRIAGO erstmals ein Instrument zur Einschätzung der Grundkompetenzen Erwachsener, das in drei Landessprachen und in verschiedenen Beratungssettings flexibel eingesetzt werden kann. Der Entwicklung des analogen Kartensets und der Online-Abklärung mit Testaufgaben ging eine Bedarfsanalyse voraus, die von der Schweizerischen Konferenz für Weiterbildung in Auftrag gegeben wurde. TRIAGO findet bereits in einigen Sozialdiensten Verwendung.
Dass Bildung für die nachhaltige berufliche Integration und die gesellschaftliche Teilhabe wichtig ist, hat sich vielerorts etabliert. Dennoch wurden Budgets dafür gekürzt.
Der Konsens, dass Bildung für die nachhaltige berufliche Integration und die gesellschaftliche Teilhabe wichtig ist, hat sich vielerorts durchgesetzt. Dies zeigt sich in verschiedene Entwicklungen auf nationaler Ebene wie beispielsweise der Einführung der Integrationsagenda Schweiz (2019) und ihren verbindlichen Wirkungszielen zur Bildung; der Strategie 2030 der öffentlichen Arbeitsvermittlung, in der Bildung ein hoher Stellenwert zugesprochen wird und auch dem nationalen Armutsmonitoring, in dem einer von drei Vertiefungsberichten dem Thema Bildung gewidmet wurde (BSV, 2025). Auch bei der aktuellen Erarbeitung der nationalen Armutsstrategie wird das Thema Bildung aufgenommen. Tatsächlich ist das Problem, dass 2025 trotz dieser Erkenntnisse von Bund und Kantonen Sparmassnahmen beschlossen wurden. Dies stellt eine grosse Herausforderung dar.
Sind damit die Programme, bzw. der Paradigmenwechsel in Frage gestellt?
Die neuen Wissensgrundlagen, Instrumente und die Vernetzungen erleichtern eine Weiterführung und Ausweitung der WBO. Gleichzeitig stehen wichtige Errungenschaften auf der Kippe: Mit den erfolgten Kürzungen im Rahmen des Entlastungspakets 2027 stehen der Weiterbildung ab 2027 nur noch 15 Millionen Franken pro Jahr anstatt bisher 19 Millionen Franken zur Verfügung (SVEB, 2026). Da der Spardruck weiterhin hoch ist, sind weitere künftige Kürzungen zu befürchten, die auch die Bildungsangebote betreffen können. Dies auch wenn insbesondere bei der Gruppe der armutsbetroffenen und gefährdeten Erwachsenen dringend Handlungsbedarf besteht.
Wie hat die betroffene Zielgruppe auf die neuen Angebote reagiert? Wurden sie gut genutzt?
Insgesamt ist die Überzeugung von Personen, die von Grundkompetenzangeboten profitieren könnten, nach wie vor eine Herausforderung. Die Gründe für eine Nichtteilnahme an Grundkompetenzangeboten wurden in der Folge vom SVEB genauer erforscht. Dabei zeigte sich, dass dieser ein geringes Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit, negative frühere Schulerfahrungen sowie geringe zeitliche und finanzielle Ressourcen oder gesundheitliche Probleme, in denen Bildung als Zusatzbelastung erscheint, zugrunde liegen (Buchs & Weber, 2025). Es gibt aber positive Entwicklungen: Im Kanton Luzern beispielsweise, wo es seit 2020 Bildungsgutscheine gibt, nehmen stetig mehr Personen an Grundkompetenzkursen teil. Bei den an der WBO beteiligten Sozialdiensten hat sich gezeigt, dass Sozialhilfebeziehende vermehrt Bildungsangebote nutzen und auch Instrumente wie Bildungsgutscheine stärker nachgefragt werden.
Nun soll die Weiterbildungsoffensive auf armutsgefährdete Erwachsene ausgeweitet werden. Warum?
Die starke Wechselwirkung zwischen Bildungsarmut und finanzieller Armut ist gut dokumentiert. Bildung ist einer der stärksten Schutzfaktoren gegen Armut im Erwachsenenalter. Gleichzeitig gibt es eine grosse Diskrepanz zwischen dem Weiterbildungsbedarf von armutsbetroffenen und -gefährdeten Personen und ihrer tatsächlichen Weiterbildungsteilnahme. Im Bildungsbericht des nationalen Armutsmonitorings des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV, 2025) wird deutlich, dass der fehlende Berufsabschluss auf Sekundarstufe II einer der wichtigsten Armutsfaktoren ist. Ferner ist das Armutsrisiko für Personen ohne nachobligatorische Ausbildung deutlich erhöht. Dennoch ist wichtig festzuhalten, dass auch Personen mit nachobligatorischem Abschluss in eine Armutssituation geraten können, z.B. aufgrund kritischer Lebensereignisse wie Krankheit, Trennung, Stellenverlust, Kindern, steigenden Wohnkosten. Festgestellt wurde auch, dass Menschen mit tiefem Einkommen, niedrigem Bildungsstand und geringen Grundkompetenzen erheblich seltener an einer Weiterbildung teilnehmen. Die Kosten sind bei Ersteren dafür der Hauptgrund. Gleichzeitig werden sie von Arbeitgebenden weniger oft bei einem Weiterbildungswunsch unterstützt als Personen mit höheren Einkommen. Im Sinne der Armutsprävention und -bekämpfung ist eine Ausweitung der WBO auf die gesamte Gruppe der armutsbetroffenen und -gefährdeten Personen daher folgerichtig.
Wie können die Ziele realisiert werden?
Damit die Weiterbildungsoffensive auf die gesamte Gruppe der armutsbetroffenen- und gefährdeten Personen ausgeweitet werden kann, braucht es eine Weiterentwicklung der aktuellen strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen. Weiterbildung muss als fester Bestandteil der Armutsprävention und Armutsbekämpfung anerkannt werden. Gleichzeitig sind tragfähige Kooperationen zwischen den Akteur:innen der Bildung-, Sozialwesen, Arbeitsmarkt und Gesundheit notwendig. Vor diesem Hintergrund haben SKOS und SVEB folgende Empfehlungen erarbeitet und in einem Positionspapier zusammengetragen. Damit dieses Potenzial bei der Zielgruppe der armutsbetroffenen und -gefährdeten Erwachsenen ausgeschöpft werden kann, braucht es koordinierte Anstrengungen aller beteiligten Akteur:innen sowie den politischen Willen, Weiterbildung als zentrales Instrument einer wirksamen Armutsprävention und Armutsbekämpfung zu etablieren. SKOS und SVEB werden einen Massnahmenplan erarbeiten, um im Rahmen ihrer WBO-Projektarbeit die Anstrengungen zur Bildungsförderung auf die Gruppe der armutsbetroffenen und -gefährdeten Erwachsenen auszuweiten.
Autorin des Grundlagenpapiers: Andrea Beeler, wissenschaftliche Mitarbeiterin der SKOS, in Zusammenarbeit mit dem SVEB
Zum Positionspapier «Bildung zahlt sich aus»
