Wenn Armut in Familien über Generationen hinweg fortbesteht, stellt das die Chancengleichheit infrage – ein Grundpfeiler moderner Demokratien. Ist der Bezug von Sozialhilfe also Familienschicksal oder gelingt es, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Eine neue Studie vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern beantwortet diese Frage erstmals für die Schweiz. Sie kommt zu dem Schluss, dass der familiäre Einfluss bereits nach einer Generation spürbar an Bedeutung verliert. Dass Armut in der Schweiz sehr wohl vererbt wird, ist laut einer Replik von Caritas Schweiz aus verschiedenen Gründen wahr und die Autoren zögen eine unzutreffende Schlussfolgerung.
Die Autoren der Studie wählten einen neuen Ansatz, um den Einfluss familiärer Herkunft auf den Sozialhilfebezug über Generationen hinweg zu messen, wie es in einer Medienmitteilung heisst. Anhand verwandtschaftlicher Beziehungen innerhalb derselben Generation bestimmen sie den Einfluss der Eltern und Grosseltern: Beziehen Geschwister Sozialhilfe, zeigt das den Einfluss der Eltern; beziehen Cousins Sozialhilfe, belegt dies den Einfluss der Grosseltern.
Die Ergebnisse für die Schweiz zeigen: Wer ein Geschwister hat, das Sozialhilfe bezieht, trägt ein um 22 Prozentpunkte höheres Risiko, selbst darauf angewiesen zu sein, als jemand ohne ein solches Geschwister. Hat man zusätzlich einen Cousin in der Sozialhilfe, steigt das eigene Risiko hingegen nur um weitere 4 Prozentpunkte. Damit entspricht der grosselterliche Einfluss etwa einem Fünftel des elterlichen. Die Frage, ob Sozialhilfe vererbt wird, lässt sich wie folgt beantworten: Familiäre Prägungen wirken kurzfristig, verfestigen sich in der Schweiz aber nicht dauerhaft. Sozialhilfebezug ist kein Familienschicksal.
Es stellt sich die Frage, ob Sozialhilfe innerhalb von Familien eher vererbt wird als andere soziale Faktoren. Deshalb haben die Autoren untersucht, wie sich die Weitergabe von Sozialhilfe im Vergleich zu Einkommen und Bildung über Generationen hinweg unterscheidet:
- Sozialhilfe: Wird in der Kernfamilie am stärksten weitergegeben; der Einfluss der Grosseltern ist deutlich schwächer.
- Einkommen: Wird weniger stark weitergegeben als Sozialhilfe; auch hier spielt der Einfluss der Grosseltern nur eine geringe Rolle.
- Bildung: Wirkt über Generationen hinweg länger nach und nimmt nur allmählich ab.


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